Wenn ein Klumpen Ton zum Kunstwerk wird

Langsam setzt sich die Drehscheibe in Bewegung. Unter den geübten Händen von Marlene formt sich aus einem einfachen Klumpen Ton eine Schüssel. Mit ruhiger Hand führt Erik den Pinsel über einen Teller. Anschließend zieht er den Kamm darüber, schwungvoll und präzise. Es entsteht die Kammzugtechnik, ein Markenzeichen der Scheibbser Keramik. Hier, in dieser traditionsreichen Werkstätte, entstehen Tag für Tag handgefertigte Unikate von Beschäftigten – jedes Stück ein Kunstwerk.

„Ich hab’ nach der Arbeit stundenlang geübt“, erzählt der Mitarbeiter Erik Selmann, der heute als Maler in der Scheibbser Keramik arbeitet. Ursprünglich war er beim Eingießen tätig – das Malen erschien ihm damals unvorstellbar. Doch als seine Kollegin in Pension ging, fehlte jemand, der die Muster fortführte. „Ich hab’s einfach versucht – hatte ja nichts zu verlieren“, erinnert er sich. Nach einer Nacht Bedenkzeit griff er zum Pinsel. Heute, mehrere Monate später, malt Erik wie selbstverständlich. Als Betreuer ist es ihm auch wichtig, sein Wissen an die Beschäftigte Nathalie Lessnigg weiterzugeben. Denn sie könnte die nächste Malerin werden. Doch dazu später mehr.

11 einzigartige Muster

Jedes Muster hat einen Namen – besonders beliebt ist „der Michel“ und die „bunte Linie“. Insgesamt gibt es elf verschiedene Dekore in der Scheibbser Keramik. Die Hauptfarben sind Grün und Blau. Apropos Farben: Die so genannten Engobenfarben werden aus vier Komponenten hergestellt: Tonstaub, Wasser, Glasur und der Farbkörper. Alles wird sorgfältig abgewogen und angerührt – ein altes Rezept, das über Jahrzehnte weitergegeben wurde.

In der Scheibbser Keramik wird nichts verschwendet. Schleifstaub und Reste finden ihren Weg zurück in den Kreislauf. So entsteht fast kein Müll.

Echte Handarbeit: Das Henkeln

Aber nicht nur die Malerei ist einzigartig. Wolfgang Beer ist seit Anfang an in der Scheibbser Keramik beschäftigt und hat über die Jahre hinweg tausende von Häferl gehenkelt. Ein Handwerk, das in der Scheibbser Keramik nur er beherrscht. Der Henkel wird aus Tonwürsten geformt, die in einer so genannten Henkelpresse entstehen.

Der entscheidende Teil ist, dass der Henkel nur in einem ganz bestimmten Zustand angebracht werden kann – wenn der Ton lederhart ist. „Lederhart bedeutet, dass der Ton noch einen gewissen Wasseranteil hat und noch nicht völlig fest ist“, erklärt Wolfi.

Der Übergang muss sorgfältig vorbereitet werden: Die Stelle an dem Häferl, wo der Henkel angesetzt wird, wird fein eingeritzt damit sich die Oberflächen gut miteinander verbinden. Danach wird der Henkel mit geübtem Druck angebracht, in Form gezogen und geglättet.

Ein Ort voller Geschichte

Die Geschichte der Scheibbser Keramik reicht fast ein Jahrhundert zurück. 1923 gründete Ludwig Weinbrenner die Tonindustrie Scheibbs. Der Legende nach stieß er beim Pflanzen eines Baumes auf Ton, es war der Beginn einer langen Tradition. Nach wirtschaftlich schwierigen Jahren und mehreren Eigentümerwechseln entstand 1937 die Scheibbser Keramik in ihrer heutigen Form. In den 1960er-Jahren prägte Wolf-Dieter Miesl die charakteristische Kammzugtechnik, bei der die Farbe mit einem feinen Kamm verzogen wird. Seit 1987 wird die Werkstätte von der Lebenshilfe geführt – ein Ort, an dem Kunst, Handwerk und Inklusion auf einzigartige Weise verschmelzen.

Vom Gießen bis hin zum Retuschieren

Heute gibt es in der Scheibbser Keramik drei verschiedene Bereiche: die Gießer, die Dreher– und die Retuschierer. Insgesamt 19 Kund:innen arbeiten in der Scheibbser Keramik, jede:r mit unterschiedlichsten Fähigkeiten, aber mit einer gemeinsamen Leidenschaft: dem Arbeiten mit Ton. Jede Gruppe hat ihre eigenen Aufgaben und Abläufe.

Die Kund:innen werden individuell begleitet, mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Wer eine Pause braucht, kann sich im Ruheraum zurückziehen.

„Bei uns braucht keine:r Urlaub. Jede:r kommt gern in die Arbeit.“
Erik Selmann


In den Werkstatträumen herrscht eine entspannte Atmosphäre – konzentriert, aber herzlich. Es wird gearbeitet, geplaudert und gelacht. Man unterstützt sich gegenseitig, korrigiert kleine Fehler, lobt gelungene Stücke. Manche Kund:innen, wie Natalie, zeigen besonderes Talent für die Malerei – vielleicht wird sie einmal Eriks Nachfolgerin. Natalie ist bei den Retuschierern beschäftigt und fertigt komplexe Bilder an. Sie bringt ihre Motive auf Tonflächen, wie Teller und Schüsseln, auf. Dabei entstehen wahre Unikate.

Donnerstags ist in der Scheibbser Keramik Aktivtag: Dann stehen Ausflüge, Tierparkbesuche oder gemeinsame Gehübungen am Programm – Abwechslung, die Körper und Geist guttut.

Geduld ist eine Tugend

Vom Rohling bis zum fertigen Häferl ist es ein langer Weg. Nach drei bis vier Wochen hält man das fertige Produkt in den Händen. Doch zuerst wird der Ton vorbereitet, eingeschnitten und gewässert. Am nächsten Tag kann er weiterverarbeitet werden, wird getrocknet und anschließend retuschiert. Retuschieren bedeutet, dass unschöne Stellen im Produkt ausgebessert werden. Sie werden nachgeschliffen und mit einem feuchten Schwamm verwischt.

Ist das Produkt fertig retuschiert, wird es bemalt und erhält den Rohbrand bei ungefähr 970 Grad. Anschließend wird es glasiert und nochmal bei 1090 Grad im Ofen gebrannt. In der Scheibbser Keramik gibt es drei verschiedene Öfen, in denen jede Brennkurve an jede Glasur angepasst ist.

„Es ist wichtig, dass alles aufeinander abgestimmt ist – möchte man etwas verändern, sollte man nur an einem Rädchen drehen“, erzählt die Einrichtungsleiterin Martha Planitzer.

Fünf bis sechs Tonnen Ton

Pro Jahr werden ungefähr fünf bis sechs Tonnen Ton verarbeitet. Der Ton stammt aus Deutschland. Das Sortiment umfasst diverse Häferl, Schüsseln, Teller in allen Größen, Rosenkugeln, Adventteller, Anhänger und vieles mehr. Manche Produkte kommen auch aus der Mode, so wie die klassische Kaffeekanne.

„Das ist ein Handwerk, das man nur durch Erfahrung lernt. Jede Glasur verhält sich anders – ist sie zu dünn, wird die Oberfläche rau, ist sie zu dick, reißt sie. „Wir arbeiten ausschließlich mit Gipsformen, die in aufwendiger Handarbeit gefertigt werden. Einen Formenbauer zu finden, ist schwierig. Das ist ein aussterbendes Handwerk.“
Martha Planitzer
Einrichtungs-
leitung

Ein Stempel für die Ewigkeit

Ob Cappuccino-Tasse, Namenshäferl oder Rosenkugel: Fest steht, dass jede Keramik eine Geschichte erzählt. Auftragsarbeiten gibt es viele. Firmen, wie die Arbeiterkammer, die Sparkasse oder das Landeskrankenhaus Scheibbs sowie Hotels und Privatkund:innen bestellen auch gerne ihre individuellen Designs.

Vielleicht liegt es daran, dass hier mehr entsteht als nur Keramik. Was die Scheibbser Keramik so besonders macht, ist das Miteinander. In der Werkstätte wird nicht nur gearbeitet, sondern auch gelernt, gelacht und geteilt. Und es geht darum aus einem Klumpen Ton etwas Bleibendes zu schaffen. Bleibend ist auch der Scheibbser Stempel, mit dem jedes Produkt vollendet wird. Einem Zeichen für Qualität, Handwerk und Inklusion.

So entsteht eine Rosenkugel

Bevor der Ton eingefüllt werden kann, wird er in einem großen Behälter aufgerührt. Der flüssige Ton besteht aus trockenem Ton, Wasser und einem Verflüssiger.
Der flüssige Ton wird in die Gipsform gefüllt. Während der Ansaugzeit saugt die Gipsform das Wasser aus der Masse, die festen Bestandteile bleiben am Rand stehen. Die ausgefüllte Gipsform bleibt ein bis zwei Stunden stehen. Flüssiger Ton wird immer wieder nachgefüllt.
Nach der Ansaugzeit wird die restliche Masse wieder in einen Bottich gelehrt und wieder verwendet. So entsteht eine Hohlform. Nach 1-2 Tagen kann der Rohling aus der Form genommen werden.
Julia entfernt vorsichtig die Gießnähte der Rosenkugel.
Jetzt heißt es für die Rosenkugel: Trocknen. Rohlinge müssen bis zu einer Woche in den Trockenregalen bleiben, bis sie retuschiert werden können.
Das Retuschieren ist eine sehr heikle und aufwendige Arbeit, da die Rohlinge ja noch leicht zerbrechen können. Unebenheiten werden vorsichtig abgeschliffen, die Oberfläche geglättet und die Kanten abgerundet.
Unsere Rosenkugel ist bereit für den sogenannten Rohbrand bei 970°C im Brennofen.
Die bunte Glasur der Rosenkugel wird getaucht und geschüttet. Danach wird wieder bei 1090°C gebrannt. Der Ofen benötigt ca. 10 Stunden, um auf die gewünschte Temperatur zu kommen und ca. 32 Stunden, um auf 100°C abzukühlen.
Nach vielen Arbeitsschritten und mehreren Wochen ist unsere Rosenkugel fertig und kann im Shop der Scheibbser Keramik erworben werden.

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